Die Chronik meiner Leidenschaft

Was zunächst aus einer schulmüden Laune heraus geschah, sollte mich bald ganz und gar gefangen nehmen, so sehr,  wie ich es mir zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht vorstellen konnte. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Mein Beruf sollte meine Berufung werden.

Mein Beruf sollte meine Berufung werden.

Zunächst lernte ich das Handwerk auf klassische Art und Weise. Ließ mich von meinem Vater ausbilden, ging danach auf „Wanderschaft“ und verbrachte meine Gesellenjahre in Augsburg, Ulm und Memmingen. Die Meisterprüfung legte ich in der Bäckerfachschule in Stuttgart ab.

1992 erfüllte ich mir meinen großen Traum: Mit meinem damaligen Partner eröffnete ich ein Konditorei-Café. Doch scheinbar war die Zeit nicht reif für uns oder wir nicht für sie  – unser Traum platzte. Ich war frustriert. Drei lange Jahre lang rührte ich keinen Teig mehr an.

Dem Back-Wahn verfallen

Als ich schwanger wurde, änderte sich plötzlich alles: Das Backen hatte mich zurück. Denn anstatt auf saure Gurken hatte ich Heißhunger auf Süßes. Ich verfiel einem neu entfachten „Back- Wahn“ und buk Weihnachtsplätzchen bis tief in die Nacht.  Wie hatte es mir gefehlt, den Teig mit meinen Fingern zu kneten, wie sehr hatte ich den Duft  von frischer Butter, Zimt und Vanille vermisst. Ab sofort war mir jeder Anlass genug, um meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und meine Lieben mit einem Kuchen oder einer Torte zu überraschen.

Meine schöpferische „Hoch-Zeit“ begann mit  zwei ausgefallenen Aufträgen für eine befreundete Hutmacherin, Fiona Bennett.  Ein kleiner Stein war ins Wasser geworfen worden und begann, Kreise zu ziehen. Jeder nun folgende Auftrag erfüllte mich solange mit Besessenheit, bis die gestellte Aufgabe perfekt umgesetzt war. Das bescherte mir oft schlaflose Nächte und Kopfzerbrechen.

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Es gibt keine Zufälle

In der „Berliner Zeitung“ las ich im Mai 2011 zufällig einen Artikel: Die Markthalle IX in Kreuzberg soll zu neuem Leben erweckt werden. Hierfür wurden Händler mit Herzblut gesucht.

Das war es! Jetzt oder nie, sagte ich mir, du bist 45 Jahre alt, wage es! Dass alles in meiner Hand blieb, war mir wichtig. Backen und Verkaufen – meine beiden Leidenschaften unter einem Hut. Das eigenständige Werkeln in meiner Backstube ist mir genauso heilig wie der Kontakt zu den Kunden, die Resonanz und das Philosophieren über gute Lebensmittel. Nicht umsonst bin ich Mitglied des Vereins „Slow Food“, der sich für mehr Genuss und Muße beim Essen einsetzt, für wahrhaftige Lebensmittel.

Eine Backstube muss her

Mit der finanziellen und tatkräftigen Hilfe von Freunden entstand im Sommer 2011 meine eigene kleine Backstube.

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Am 1. Oktober 2011 öffnete die  Markthalle IX in Kreuzberg ihre Pforten  und „ Frau Zeller“ war mit dabei. Seitdem backe ich Kuchen und Torten mit saisonalen Früchten, nach überlieferten Rezepten und solchen, die ich mir selbst ausgedacht habe – rund um die Uhr.

Markthalle

Inzwischen habe ich viele liebe Stammkunden und solche, die es noch werden wollen.

Neulich, gegen Ende eines Markttages, hatten zwei ein Auge auf dasselbe Stück  „Streusele „ geworfen, von dem nur noch eines da war. „Ach, das wollte ich auch“, sagte die Kundin, die als zweite an der Reihe gewesen wäre. Fast machte sich Enttäuschung breit, doch dann sagte die erste: „Wollen wir es uns teilen?“ Schöner kann ein Arbeitstag nicht für mich enden.